Evolution in der Stadt

Evolution in der Stadt – “Die Präsenz von Wildtieren ist eine Art Geschenk”

Füchse, Waschbären oder Wildschweine verbinden wir eigentlich mit Wäldern und Natur. Doch schon lange zieht es Wildtiere auch in die Städte. Dies führt zu interessanten Beobachtungen und neuen Subpopulationen. Wie die städtische Umgebung die Evolution von Tieren in der Stadt verändert, darüber spreche ich mit Dr. Konstantin Börner vom Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung.

Jannik Werner: Für viele Tiere die sonst in der Wildnis leben, ist die Stadt zum neuen Lebensraum geworden. Doch Bedingungen wie Licht, Boden oder Luft unterscheidet sich stark von der Natur. Wie beeinflussen diese Umstände das Verhalten der Wildtiere?

Dr. Konstantin Börner: Zunächst mal ist es so, dass nur bestimmte Spezies in der Lage sind, den Weg in die Stadt zu finden. Das sind Arten, die ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit haben. Es gibt beispielsweise Beobachtungen bei Vögeln, da bauen einige Spezies Zigaretten in ihre Nester mit ein. Das Nikotin wehrt dann die Parasiten ab und die Jungvögel werden dadurch geschützt.

Generell hat jedes Tier gewisse Grundbedingungen: Ein Tier muss Schlafen, ein Tier muss Essen und ein Tier muss sich fortpflanzen können. Und die Stadt stellt wahnsinnig viel Futter zur Verfügung. Es gibt Messungen, die zeigen, dass pro Quadratkilometer in der Stadt etwa 60 Füchse ernährt werden könnten. Tatsächlich werden in der Stadt Dichten von bis zu 30 Tieren pro Quadratkilometer vorgefunden. In den Außenlandschaften Brandenburgs sind es nur zwei oder drei Füchse pro Quadratkilometer. 

Es finden sich auch ganz interessante Anpassungsmechanismen, wo Tiere auf Bauten zurückgreifen, die sie eigentlich nicht nutzen würden. Zum Beispiel Fuchsbauten unter Gartenlauben oder unter Containern. Oder ein weiblicher Fuchs ist durch die Katzenklappe in ein Gebäude gelangt und hat da ihre Jungen zur Welt gebracht.

Bei unseren Untersuchungen zu Wildschweinen ergab sich, dass Wildschweine zum Schlafen viel befahrene Straßen aufsuchen, da dort keine Spaziergänger und keine freilaufenden Hunde sind. Man würde meinen, die würden diese Straßen meiden, aber im urbanen Raum werden diese Straßen konkret aufgesucht. Im Außenland wird hingegen jeglicher Kontakt zu Menschen vermieden. Hier findet dann im Kleinen auch Evolution in der Stadt satt.

Heißt das, dass die Tiere die Stadt vorziehen, weil sie mehr Möglichkeiten bietet oder findet eher eine Vertreibung aus ihrem natürlichen Lebensraum statt?

Das ist eine gute Frage. Es gibt verschiedene Hypothesen darüber, warum Verstädterung stattfindet. Eine heißt “Hunting Pressure”. Die geht davon aus, dass Jagddruck die Tiere in die Stadt treibt. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, weil es Urbanisierungsprozesse auch dann gibt, wenn Tiere nicht gejagt werden. Dann gibt es die “Population Pressure” Hypothese, die davon ausgeht, dass die natürlichen Bereiche alle besetzt sind und die Tiere Flüchten. Auch das scheint nicht unbedingt plausibel zu sein.

Was sich aber mit unseren Ergebnissen, die wir über die Genetik herausgefunden haben, deckt, ist dass es immer wieder einzelne Tiere gibt, die ein erhöhtes adaptations Potenzial an den Faktor Mensch besitzen. Diese Tiere sind dann prädestiniert in den urbanen Lebensraum vorzudringen und sich dort zu etablieren. Diese Tiere nehmen ein höheres Risiko auf sich und haben eine höhere Mortalitätsrate. Aber wenn sie sich dauerhaft etablieren, sind sie auch Begründer einer neuen Subpopulation. Und darum geht es in der Evolution immer. Es geht immer um die Überführung von eigenen genetischen Material in die nächste Generation. Dafür müssen die Tiere auch einiges mitbringen, zum Beispiel hohe Lernfähigkeiten. Da gibt es auch immer wieder Überraschungen, von Arten, bei denen man nicht dachte, dass sie derart flexibel sind.

Was wären das beispielsweise für Arten?Evolution in der Stadt

Man kennt ja die Klassiker mit Fuchs, Wildschwein und Waschbär, die sich schon seit Jahrzehnten dauerhaft in urbanen Biozönosen (Lebensgemeinschaften) angesiedelt haben. Aber hier finden wir neuerdings den Feldhasen in der Stadt. Das Kanninchen kannte man hier schon länger aber beim Feldhasen hat man das nicht für möglich gehalten, dass der sich dauerhaft im städtischen Bereich etablieren kann.

Werden dann auf lange Sicht durch die Evolution Spezies in der Stadt entstehen, die in der freien Wildbahn gar nicht überlebensfähig wären?

Also wenn wir beim Beispiel Fuchs bleiben, dann finden mehr Landfüchse den Weg in die Stadt. Aber Tiere können auch wieder den Weg in die Auenlandschaften finden. Diese Urbanisierungsprozesse gibts ja schon mehrere Jahrzehnte. Das beginnt damit, dass der Mensch anfängt die Städte zu öffnen. So in den 20er, 30er Jahren hat man angefangen, Leben und Arbeiten zu trennen. Die Leute haben dann außerhalb gelebt und sind in die Stadt gefahren zum Arbeiten. Das war dann auch der Opener für die Wildtiere.

Tiere werden in der Stadt auch oft als Plage gesehen. Der Waschbär zum Beispiel. Müssen wir Menschen uns mehr auf ein Miteinander innerhalb der Städte konzentrieren?

Beim Waschbär gibt es nirgendwo so hohe Dichten, wie in der Stadt. Also scheint die Stadt ein sehr guter Lebensraum zu sein. Selbstverständlich kommt es auch zu Kollisionen und Problemen. Das können Beschädigungen sein oder im schlimmsten Fall auch Unfälle oder den Eintrag von Krankheiten. 

Aber zugleich ist es so , dass der Mensch den Wildtieren den Lebensraum weggenommen hat. So leitet sich vielleicht auch eine gewisse ethisch-moralische Verpflichtung ab, den Tieren in der Stadt eine Daseinsberechtigung zu ermöglichen. Natürlich muss man Lösungsansätze finden, wo eine Koexistenz friedlich erfolgen kann, ohne dass die Schäden ausufernd wären. Da muss es dann Konzepte geben, wie der Populationslenkung oder des Wildtiermanagements. Das ist bei einigen Arten ein bisschen schwerer und bei einigen leichter. Der Waschbär ist da schon eine kleine Problemart. Durch seine sehr geschickten Hände ist er in der Lage, in Gebäude zu gelangen. Das ist dann Aufgabe der Stadt oder der Menschen, die Leute entsprechend vorzubereiten und Schäden abzuwehren.

Mit dem Wort “Plage” tue ich mich natürlich etwas schwer. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen, denn letztlich ist für mich die sichtbare Präsenz von Wildtieren auch eine Art Geschenk. Außerdem ist es eine Möglichkeit, die weitgehend Natur entfremdeten Städter mit den Tieren in Kontakt zu bringen und einen Zugang zur Natur zu schaffen. Denn das, was man kennt, das ist im Bewusstsein und das schützt man letztlich auch. Das ist dann auch eine Möglichkeit für uns als Gesellschaft davon zu profitieren und Umweltbildung am Phänomen zu betreiben.

 

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